Der Aufstieg der Menschheit von Charles Eisenstein

Über die große Krise unserer Zivilisation und die Geburt eines neuen Zeitalters

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Inhaltsverzeichnis:


Naturkapital

Dieselben Leute, die die Abflussrohre gebracht haben, wandeln alle paar Wochen ein weiteres Stück der Pine Barrens zu Geld um. Vielleicht wenn nichts mehr übrig und das letzte Wasser vergiftet ist, werden diejenigen, die für das Sterben des Bibers verantwortlich sind, das hilflose Gefühl von unumkehrbarem Verlust kennen, das Rick und ich hatten. – Tom Brown, Jr.

In keinem Bereich ist die Kampagne, „alles zu unserem zu machen“, so fassbar, wie die Umwandlung von Naturkapital in finanzielles Kapital. Naturkapital bezieht sich auf die Erde selbst: die Erdmineralien, Land, Erdreich, Ozeane, Trinkwasser, Gene, Tiere und Pflanzen; das heißt, alles, was nicht von Menschen erschaffen wurde. Ich würde ja gern sagen „natürliche Ressourcen“, aber in dieser Redeweise liegt genau die Annahme, die wir untersuchen. Sich den Planeten als aus „Ressourcen“ bestehend zu denken, legt schon nahe, dass er uns gehört. Es definiert die Welt im Sinne ihrer Brauchbarkeit für uns und setzt uns ab und trennt uns in Beziehung zu ihr.

Die bekannteste Form von Naturkapital sind fossile Energieträger, Kohle, Erdöl und Erdgas, die sich immer schneller erschöpfen. Dies sind Thom Hartmans „letzten Tage des uralten Sonnenlichts“, von denen die industrielle Gesellschaft abhängt. Allerdings, auch wenn die Energiekrise sicherlich beitragen wird zum allgemeinen Zusammentreffen der Krisen, die das Zeitalter der Trennung beenden werden, so ist sie doch nur ein kleiner Teil des Gesamtbildes. Andere Formen des Naturkapitals sind vielleicht sogar noch bedeutender. Am wichtigsten ist die Aufnahmefähigkeit der Erde für die giftigen Ausflüsse unserer Umwandlung von Wohlstand zu Geld: der Atommüll und die Arzneimittelrückstände, die landwirtschaftlichen Abwässer und die Schlacken der Müllverbrennung, das Schwefeldioxid und das Ozon, die FCKW und die PCB. Dereinst eng begrenzt oder subklinisch in ihren Effekten, bedrohen diese Gifte heute ganze Bioregionen und Ökosysteme. Warte, sagte ich „bedrohen“? Das ist nicht mehr das richtige Wort, denn viele von diesen Gebieten sind schon tot und viele andere sind am Sterben. Je größer der Schaden, desto schwerer wird es, Konsequenzen zu vermeiden. In der Tat gibt es sie schon in Form von mehr Geburtsdefekten, Autoimmunkrankheiten und Krebs. Aber das ist nichts im Vergleich zu den möglichen Störungen des Klimasystems und den Mechanismen des atmosphärischen Gleichgewichts, die beide von einer gesunden Ökologie abhängen.

Ein weiteres dringendes Problem ist der Verlust von fruchtbaren Böden und sauberem Wasser. Wüsten haben fruchtbares Land verschlungen, solange lineare Methoden in der Agrikultur angewendet werden. Das alte Sumer, die Wiege der Zivilisation, war einst bekannt als der Fruchtbare Halbmond. Heute ist es die Wüste von Irak. Nordafrika, einst der Brotkorb des Römischen Reiches, ist heute ganz in der Sahara aufgegangen. Dasselbe Schicksal erwartet die Vereinigten Staaten, wo Humusverluste von zwei Milliarden Tonnen jährlich 17 mal höher sind, als die Rate der Humusbildung17, vor allem im trockneren Westen, wo die Abhängigkeit von Bewässerung riesige Gebiete der Versalzung aussetzt. Weiter trägt die industrielle Landwirtschaft zu einer alarmierenden Erschöpfung der Bodenmineralien bei, wie die Statistiken der USDA über Früchte und Gemüse belegen18. Zum Wasser, die Grundwasserspiegel sinken auf allen Kontinenten. Große Flüsse, wie der Gelbe Fluss oder der Colorado trocknen immer wieder aus; der Nil und der Ganges schaffen es kaum bis zum Meer. Der Aralsee ist auf die Hälfte seiner alten Größe zusammen geschrumpft, in dessen Verlauf alle Fische wegen der Versalzung verendeten19. Gleichzeitig fehlt gemäß dem Weltärztebund über der Hälfte der Weltbevölkerung der Zugang zu sauberem Trinkwasser20, während Leitungswasser in den USA routinemäßig mit Chlor behandelt wird, um wassergebundene Pathogene zu zerstören. Es ist auch zunehmend verschmutzt mit verschiedenen Karzinogenen, Mutagenen und Hormonen. Natürlich bietet dies, wie jede andere Zerstörung des Gemeinguts, eine gute Gelegenheit zum Geld verdienen. Eine der wachstumsstärksten Sparten der Getränkeindustrie ist heute in Flaschen gefülltes Wasser, das nun eine Ware ist, wie jede andere auch. Währenddessen kämpfen riesige Konzerne um die Kontrolle neu privatisierter Wasserversorger auf der ganzen Welt.

Manchmal führen Leute gegen diese Hiobsszenarien bestimmte Beispiele ins Feld, wie die großen Seen, in denen sich die Wasserqualität tatsächlich verbessert hat. Ja, es gab vorübergehende, örtlich begrenzte Verbesserungen. Zu oft wurde die Verschmutzung allerdings bloß exportiert. Fabriken in China produzieren dieselben schwerindustriellen Produkte, wie einst Cleveland oder der Ruhrpott und speien dieselben Verschmutzungen wie vorher in andere Flüsse. Die Luftqualität in Los Angeles mag sich verbessert haben, aber die verschlechterte Luft in Bangkok, Manila und Shanghai macht diese Verbesserung mehr als wett. Manche Abfallstoffe sind jetzt verboten und manche Verfahren wurden aufgegeben, aber andere, schleichendere haben ihre Stelle eingenommen. Und doch nehme ich keinen Standpunkt von Verderben und Dunkel ein. Ich bin ein Optimist. Mein Optimismus beruht allerdings nicht darauf, den Ernst der Situation zu ignorieren. Es wird eine außerordentliche Transformation des menschlichen Seins erfordern, um die schöne Welt zu erschaffen, von deren Möglichkeit mein Herz erzählt.

Ich werde nur noch eine Kategorie verschwindenden Naturkapitals berühren: die Biodiversität. Die Gesamtheit der irdischen Pflanzen, Tiere, Bakterien und Pilze enthält ein enormes Reservoir genetischen Materials, das, wenn es einmal verloren ist, nie wieder erlangt werden kann. Typischerweise führen Umweltaktivisten zwei Gründe für den Schutz dieses unersetzlichen Reichtums an. Erstens sind diverse Ökosysteme robuster und besser fähig, ihre Funktion im Gleichgewicht der Biosphäre zu erfüllen – wie etwa die Herstellung von Sauerstoff. Zweitens könnten die Arten, die derzeit aussterben wertvolle medizinische Substanzen, genetisches Material oder andere dem Menschen nützliche Substanzen enthalten. Dies sind gute Gründe, aber sie greifen zu kurz. Die Wissenschaft ist dabei zu lernen, dass vieles wenn nicht das meiste aus dem genetischen Material niemals ausgedrückt wird. Früher als Müll angesehen, ist diese DNA möglicherweise ein Reservoir für Anpassungsfähigkeit, die für das Überleben und/oder die Transformation des Planeten essentiell werden könnte. Natürlich verletzt die Idee, dass Gene innerhalb eines Genoms in Stille darauf warten, sich auszudrücken, grundlegende Prinzipien der Darwinschen Evolutionslehre (weil es keinen Selektionsmechanismus gibt). Ich werde diese Denkrichtung im späteren Kapiteln noch mehr entwickeln.

Wenn Leuten die katastrophale Zerstörung des Naturkapital bewusst wird, gehen sie entweder in die Leugnung („es kann nicht so schlimm sein“ oder „Ich kann eh nichts dagegen tun“) oder sie sind ganz richtig extrem alarmiert und denken: „Wir müssen unsere Art und Weise in Ordnung bringen“. Allerdings liegt der Ursprung für „unsere Art und Weise“ viel tiefer als wir denken. Wir können von strengerer Regulierung oder einer ehrfürchtigeren Einstellung zur Erde träumen, von verantwortlichen Regierungen und besserer Technologie, aber die tragische Tatsache ist, dass unsere Zivilisation aus ihrer ganzen Anlage heraus unfähig ist, die Zerstörung des Naturkapitals umzukehren oder sie gar nur zu bremsen. Jene Zerstörung folgt unweigerlich aus dem Geldsystem und der Selbstauffassung, die ihm zugrunde liegt.

Lass mich das wiederholen: Unsere Zivilisation ist aus ihrer ganzen Anlage heraus unfähig, die Zerstörung des Naturkapitals umzukehren oder sie gar nur zu bremsen. Gewöhne dich daran. Sobald wir das verstehen, wird das Projekt der Neuerfindung von Zivilisation selbst einen machtvollen Impuls erhalten.

Die Unterwerfung der gesamten Erdoberfläche und allem, was darauf oder darunter ist, beginnt mit einer konzeptuellen Trennung, einer Objektivierung der Welt, welche deren Umwandlung zu „Ressourcen“, dann zu Eigentum und schließlich zu Geld erleichtert. Ältere Geschichtsbücher sprechen davon „Wie der wilde Westen gewonnen wurden“, während neuere, fortschrittlichere Ausgaben Lippenbekenntnis für die Idee geben könnten, dass der nordamerikanische Kontinent von seinen Ureinwohnern gestohlen wurde. Aus Sicht der Indianer wiegt das wahre Verbrechen allerdings viel schwerer als das. Das Verbrechen der Europäer ging weit über die Ermordung der eingeborenen Amerikaner wegen „ihres“ Landes hinaus, denn allein das wäre für die Denkungsweise der Eingeborenen nicht unvorstellbar – schließlich sind territoriale Streitigkeiten unter Jägern und Sammlern nicht unbekannt. Das Verbrechen, die Sünde, das Sakrileg war es, anzunehmen, das Land würde nicht den Menschen genommen, sondern von etwas viel größerem: von der Natur, von Gott, vom Geist, der alle Dinge bewegt.

Amerika wurde nicht von den Indianern gestohlen, denn sie haben es niemals besessen. Das Land war kein Eigentum. Zwar haben vorbäuerliche Völker oft ein Stammesgebiet, aber sie wären geschockt von der Idee, dass Land besessen werden kann. Ist nicht die Erde ein Wesen, das viel höher steht, als irgend ein Mensch oder selbst als eine Gruppe von Menschen? Wie kann etwas viel Höheres dem Niedrigeren gehören? Anzunehmen, ein Stück von der Erde zu besitzen, zu sagen es sei Mein, ist aus Sicht der Eingeborenen ein dermaßen gewagtes und damit unvorstellbares Sakrileg. Die Erde zu Besitz und schließlich zu Geld zu wandeln heißt in der Tat, das Höhere zu etwas Niedrigem zu machen, das Heilige ins Profane zu wandeln, das Göttliche zum Menschlichen, das Unendliche zum Abgemessenen. Ich kann mir keine bessere Definition für Sakrileg denken.

Wenn der Massenmord an den Eingeborenenvölkern der Welt ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ ist, dann ist die Objektivierung der Welt ein Verbrechen gegen die Natur, Gott und den Weltgeist. Faktisch folgt ersteres Verbrechen naturgemäß aus dem letzteren. Es ist viel einfacher, jemanden zu töten, den wir als etwas Anderes ansehen. Die ursprüngliche Quelle beider Verbrechen ist nichts anderes, als die Trennung selbst, ein Prozess, so alt wie die Zeit, der seine aufeinander folgenden Impulse vom Feuer, der Landwirtschaft, der Maschine und der Wissenschaft erhielt. Aber es war die Landwirtschaft, welche die Umwandlung von Land zu einem Ding am stärksten beschleunigte.

Es ist leicht zu sehen, wie das Konzept des Landbesitzes aus der Agrikultur entstand. Die Agrikultur erfordert die Investition von Arbeit in ein Stück Land: pflügen, pflanzen, jäten, wässern, düngen und so weiter21. Der Bauer hat ein Recht auf die Früchte seiner Arbeit und würde sich sicherlich beschweren, wenn jemand vorbeikäme und seine angebauten und im Überfluss vorhandenen Früchte einfach „einsammeln“ würde. Doch es braucht einen noch viel größeren konzeptuellen Sprung vom Besitz der Früchte zum Besitz des Landes selbst. In manchen Gesellschaften war der einziger „Besitzer“ von Land der König. Da der König als halb göttliches Wesen galt, war das gleichbedeutend mit der Aussage, dass Land jenseits menschlichen Besitzes gehört. Früher Landbesitz war wohl eher so etwas, wie ein allgemein anerkanntes Recht zur Obhut, um sicher zu stellen, dass die Menschen einen Anreiz zur Landarbeit hatten und gerechterweise Nutzen aus ihrer Arbeit ziehen konnten. Gerade so, wie frühe Eigentumsrechte auf Ideen bezweckten, Kreativität zu fördern, indem ein befristetes Recht auf Profit und nicht Besitz der Idee selbst eingeräumt wurde.

Ob nun im Fall von Land- oder Ideenbesitz, die Verwandlung vom Nutznießen zum vollkommenen Besitz geschah allmählich. Lasst uns im Hinterkopf behalten, dass es sich um eine rein konzeptuelle Umwandlung handelt – das Land erlaubt seinen Besitz nicht – es ist eine Projektion der Menschen auf die Wirklichkeit. Landbesitz und in der Tat alle Formen des Besitzes sagt mehr über unsere Wahrnehmung der Welt aus, als über die Natur des besessenen Dinges. Der Übergang aus den frühen Tagen, als der Besitz von Land ebenso undenkbar war, wie der Besitz des Himmels, der Sonne und des Mondes, bis zum heutigen Tag, an dem nahezu jeder Quadratmeter Erde auf die eine oder andere Weise Gegenstand von Besitz geworden ist, erzählt nur die Geschichte unserer sich wandelnden Sicht auf unsere Beziehung zum Universum.

Das weitgehende Ende der Leibeigenschaft im späten Mittelalter ist ein gutes Beispiel. Bevor der Feudalismus der Geldwirtschaft wich und das Gemeingut in private Hände wanderte, war Land im allgemeinen kein austauschbares Gut. Lewis Hyde schreibt:

Während der Mensch früher in jedem Fluss fischen und in jedem Wald jagen konnte, fand er nun, dass es Individuen gab, die behaupteten, Besitzer dieser Güter zu sein. Die Grundlage für den Besitztitel hatte sich verschoben. Der mittelalterliche Leibeigene war so ziemlich das Gegenteil eines Grundbesitzers: das Land besaß ihn. Er konnte sich nicht frei von Ort zu Ort bewegen, und doch hatte er unantastbare Rechte auf das Land, mit dem er verbunden war. Heute behaupten die Menschen, das Land zu besitzen und verpachten es gegen Geld. Während ein Leibeigener nicht von seinem Land getrennt werden konnte, kann einem Pächter nicht nur gekündigt werden, weil er seine Pacht nicht bezahlt, sondern auch aus einer Laune des Landbesitzers heraus.22

Ergänzend zur Reduktion von Land auf irgend ein beliebiges Ding, nahm Martin Luther und seinesgleichen den weltlichen Machthabern die Last, nach christlichen Prinzipien zu herrschen und beschleunigte damit die Trennung der Wirklichkeit in zwei Bereiche, das Weltliche und das Göttliche. Wir wurden zu Herren und Meistern über die reale Welt und verbannten Gott in ein materiell unbedeutendes Reich des Außerweltlichen. Land, wie der Rest der Welt, war nicht länger heilig. Natürlich wehrten sich die Bauern gegen ihre Enteignung vom Gemeingut und brachen beispielsweise den blutigen Kampf vom Zaun, der als Bauernkrieg in Deutschland bekannt ist. Es ist ein Kampf, der wieder und wieder auf dem ganzen Erdball aufflammt, wann immer Menschen Widerstand leisten gegen das Eindringen von Eigentumsrechten in weitere Sphären der menschlichen Beziehungen. Wie Hyde es ausdrückt, „war der Bauernkrieg derselbe Krieg, den die Indianer mit den Europäern führen mussten, ein Krieg gegen die Vermarktung vormals unveräußerlichen Eigentums“. Beziehungen, Land, Wasser ... was kommt als nächstes? Die Luft? Hier ist eine Erweiterung der ewigen Geschäftsidee aus dem vorigen Abschnitt: Finde etwas so grundlegendes für das Leben, von dem niemand sich vorstellen kann, dass es jemals als Besitz abgetrennt werden könnte. Dann entziehe es den Menschen auf irgendeine Weise und verkaufe es ihnen dann zurück.

Bis ins 17. Jahrhundert gab es in England und in seiner Kolonie Amerika viel Land, das überhaupt niemandem gehörte – die Allmende. Heute haben wir das Gegenteil von dem erreicht, wie es in den Tagen der Jäger und Sammler war: es fällt den Menschen schwer, sich Land vorzustellen, das nicht in Besitz ist. Sicherlich gehört es irgendwem? Es kann nicht einfach niemandem gehören, oder? Ich erstaune gern meine Studenten, indem ich sie nach Beispielen von nicht in Besitz befindlichem Land frage. Nationalparks, Staatsforste und so weiter gelten nicht, denn sie gehören der Regierung, sind also im Besitz. Praktisch das einzige Land, das nicht besessen wird, die einzige Allmende, die noch heute in den westlichen Industrieländern existiert, ist die Straße. Straße ist öffentlicher Raum, unterhalten und reguliert durch kommunale Regierungen, aber nicht Gegenstand von Besitztiteln. Außer der Straße und vielleicht der Antarktis ist die gesamte Landmasse zu Mein, Dein, Sein, Ihr oder Unser geworden.

Wenn ich sage, dass wir als Jäger und Sammler in die Natur eingebettet, Teil der Natur und nicht getrennt von der Natur waren, dann heißt das nicht nur, dass wir „natürlicher lebten“. Es bedeutet, wir sahen die „Natur“ nicht als ein von uns getrenntes Ding. Der Dualismus zwischen Mensch und Natur existierte nicht. Tom Brown Jr. spricht von einer Kindheitserfahrung, in der er unter dem Sternenhimmel lag: „Wir lagen für eine Stunde da und schauten hinauf in den schwarzen, sternenvollen Himmel bis irgendwann, obwohl ich meine Augen zu keinem Zeitpunkt geschlossen hatte, nicht mehr in einem Feld lag. Ich war Teil eines Musters geworden, von dem auch die Sterne und die Brise und das Gras und die Insekten ein Teil waren. Es gab kein Gewahrsein davon, bis ich irgendwann das erste Reh durchs Gras kommen hörte. Da gewahrte ich plötzlich, dass ich dagelegen hatte ohne Gedanken und Wahrnehmungen außer bloßen Seins23.“

Abgesehen von ihrer konzeptionellen Natureinbettung hatten die Jäger und Sammler auch praktische Gründe für ihr sehr eingeschränkte Verständnis vom Eigentum: Sie lebten hauptsächlich nomadisch und konnten nicht viele Besitztümer herumtragen. Die Anhäufung von Besitz war unmöglich. Die Agrikultur war der praktische und konzeptionelle Grundstein für das Zeitalter des Eigentums. Auf der praktischen Ebene erlaubte sie einen sesshaften Lebensstil und die Anhäufung von Besitztümern. Die Agrikultur ermöglichte auch eine höhere Bevölkerungsdichte, soziale Hierarchien und Spezialisierung, die zusammengenommen wiederum die Entwicklung von Eigentum und Geld beförderten. Auf der konzeptionellen Ebene trägt die Tatsache, dass der Bauer Arbeit am Land verrichtet statt einfach zu nehmen, was das Land anbietet, zu dem Gefühl bei, dass das Land ihm gehöre. Allgemeiner sucht die Agrikultur und all die Technologie, die sich in den bäuerlichen Gesellschaften entwickelte, die Natur zu kontrollieren oder zu verbessern und verwandelte die Natur dadurch zu etwas Äußerem, zum Objekt von Manipulation und damit zum Objekt von Besitz.

Als erst einmal die dualistische Auffassung von Mensch und Natur etabliert war, haben die Menschen sich verständlicherweise berechtigt gefühlt, das zur Natur gehörende in etwas zum Menschen gehöriges umzuwandeln. Das ist exakt der Prozess, den der Ausdruck „natürliche Ressourcen“ nahelegt. Ressourcen: Dinge, die wir nutzen können. Oder wir können sie aufheben und später verwenden, oder sie überhaupt nicht verwenden. Wie auch immer, es sind Dinge für uns.

Die Jahrtausende währende Umwandlung von Naturkapital zu Finanzkapital ist dieser Prozess in Aktion. Umweltschützer erzählen uns seit vielen Jahren, dass wir „vom Kapital leben“, das heißt, dass wir durch nicht nachhaltigen Konsum unseres Naturkapitals eine Illusion von Wohlstand erschaffen. Die Wurzel des Problems liegt darin, dass unser Wirtschaftssystem die Dinge der Natur nicht als einen Wohlstand anerkennt. Es ist festgeschrieben in der Dynamik des Geschäftslebens, dass Naturkapital so schnell und effizient wie möglich in Finanzkapital umzuwandeln ist, ungeachtet von Ethik, Moral oder guten Absichten der Geschäftsleute. Regulierungen seitens der Behörden können diese Umwandlung höchstens ein wenig bremsen, indem sie deren Effizienz einige Hindernisse in den Weg stellen.

Einer der schwersten Fehler, den Aktivisten machen können, ist die Dämonisierung ihrer Gegner; zum Beispiel durch die Annahme, die Geschäftsleute und „die Reichen“ seien gieriger, weniger bewusst oder weniger spirituell entwickelt als sie selbst. Aber Gier ist ein Resultat und nicht eine Ursache unseres Wirtschaftssystems. Stelle dir vor, das Acme Unternehmen besäße eine Mine, aber der Vorstandsvorsitzende, ein netter Kerl, weigert sich, diese zu betreiben, weil dies die wertvollen Grundwasserreserven der Region erschöpfen würde. Das hieße, eine Mine aufzugegeben, die andernfalls 12 Millionen $ jährlich erwirtschaften würde. Die Gewinne von Acme, 12 Millionen geringer, als sie sein könnten, spiegeln den Gesamtwert der Gesellschaft, und dieser fiele dann vielleicht 200 Millionen geringer aus, also beispielsweise eine Milliarde statt 1,2 Milliarden. Wenn die Aktionäre das über die Mine herausfinden, werden sie Druck auf das Management ausüben, die Mine auszubeuten und vielleicht sogar den Vorstandsvorsitzenden zu verklagen, weil er nicht im finanziellen Interesse der Aktionäre handelt. Wenn er dennoch widersteht, wird sich ein enormer Druck aufbauen. Wettbewerber, die solche Skrupel nicht haben, werden Acmes Produkte unterbieten, und das Unternehmen mag die Aufmerksamkeit für eine feindliche Übernahme erregen. Ein anderes Unternehmen könnte nämlich mit den 200 Millionen, welche die Mine repräsentiert, einen Kredit über eine Milliarde von einer Investmentbank erhalten, das Unternehmen Acme kaufen, die Mine Ausbeuten (oder sie für 200 Millionen verkaufen), den Kredit mit 50 Millionen Zinsen an die Bank zurückzahlen und die restlichen 150 Millionen für sich behalten.

Dasselbe Schicksal ereilt ein Unternehmen, das zusätzliche Mittel für Verschmutzungskontrolle, höhere Löhne oder anderes soziales oder umweltbewusstes Verhalten verwendet. Der Grund dafür ist, dass die Kosten solchen Verhaltens außerhalb der Bilanzen sind. Tatsächlich werden solche Kosten in der Ökonomie „Externalitäten“ genannt – ein Wort, das die durch Technologie nahegelegte Trennung von Mensch und Natur widerspiegelt; das heißt, ein Anderes aus der Natur zu machen.

Solange Naturkapital nicht in eine geldwerte Ware umgewandelt wurde, ist es für unsere Wirtschaftszahlen und Bilanzen unsichtbar. Es ist sogar schwer, den Wert der Natur anders auszudrücken: daher die Vielzahl von Argumenten seitens der Umweltschützer, die sich auf Kosten-Nutzen Überlegungen gründen. Warum sollten wir die Regenwälder retten? Wegen all der Heilpflanzen, die aus noch unentdeckten Arten hergestellt werden könnten? Wegen seines wirtschaftlichen Nutzens als CO2-Senke? Wegen des wirtschaftlichen Wertes seiner bestäubenden Arten? Im Kern versuchen diese Argumente uns von der Notwendigkeit des Umweltschutzes zu überzeugen, weil die langfristigen Kosten der Umweltzerstörung für die Wirtschaft die Kosten für den Schutz bei weitem übertrifft. So gut, wie sie gemeint sein mögen, intensivieren solche Argumente jedoch die Wurzel des Übels. Und zwar die grundlegende Benthamsche Annahme, dass Güte quantifiziert werden kann, dass wir das Leben besser machen, indem wir die finanziellen Gewinne maximieren und noch tiefer, dass wir die Natur zum Unsrigen machen können, und auf der untersten Ebene schließlich die Illusion der Getrenntheit. Solche Argumente erkennen die verheerende Annahme an, dass die Natur tatsächlich ein Ding sei, welches am besten im Sinne finanzieller Folgerungen zu behandeln wäre.

Kosten-Nutzen Überlegungen im Umweltschutz haben den weiteren Nachteil, dass sie gewöhnlich ineffektiv sind, selbst als kurzfristige Taktik. Ich bin in diesem Zusammenhang inspiriert zum einen durch Gandhis Empfehlung „ihre Vernunft und ihr Bewusstsein anzusprechen“ und zum anderen durch Edwin O. Wilsons Beschwörung der universellen „Biophilie“ – der Liebe zu lebenden Wesen – die jedem von uns innewohnt, wie tief sie auch vergraben sein mag. Auf lange Sicht und vielleicht sogar kurzfristig mag es effektiver sein, der Menschen Sinn für das Schöne und ihr Verlangen, das Rechte zu tun, anzusprechen. „Lasst uns die Umwelt retten, weil es uns andernfalls zu viel kosten wird“ ist ein Ansprache an niedere Instinkte. Sie missachtet die Zuhörer, indem sie annimmt, dass die Gier ihr stärkstes Motiv ist. (Es ist speziell kontraproduktiv, wenn man Leuten gegenüber steht, die finanziell vom Konsum des Naturkapitals profitieren.) Es ist außerdem im gewissen Sinne unehrlich: ich kenne keinen Umweltschützer, der wegen der langfristigen wirtschaftlichen Ersparnisse durch Umweltschutz motiviert wäre. Lasst uns stattdessen das Höchste in anderen Menschen ansprechen: ihr Sinn für das Rechte, die Schönheit und Gerechtigkeit; ihr Wunsch, eine gute Person zu sein; ihr Sehnen, ihre eingeborene Liebe für unseren bildschönen Planeten auszudrücken. Die Gier hinter der Plünderung des Planeten und die Unsicherheit und Angst hinter der Gier ist schließlich sowohl ein Produkt unseres Geldsystems, als auch eine unausweichliche Folge unserer Trennung vom Selbst, dem Geist, der Natur und von einander. Es ist nicht unser wahrer Kern.

Die Umwandlung aller Formen von Wohlstand zu Geld verletzt unseren Sinn für Schönheit, Rechtschaffenheit und Bestimmung. Sie hat die Welt hässlicher gemacht. Im Bereich der Kunst sind solche Bezeichnungen wie „kommerzielle Kunst“ oder „Ausverkauf“ keine Komplimente. Noch würden die meisten Menschen meinen, ein Stapel Holzstämme sei schöner als ein Wald, oder dass die Schönheit einer gut konstruierten Autobahn die Schönheit der Landschaft überträfe, die durch die Minen, Steinbrüche und so weiter zerstört wurden, welche die Materialien lieferten.

Wie oft stören auf der persönlichen Ebene Fragen der Praktikabilität – welche meistens auch Geld betreffen – unser Sehnen, ein schönes Leben zu leben? Für gewöhnlich scheinen rationale wirtschaftliche Interessen in direktem Gegensatz zu Joseph Campbells Aufruf zu stehen, „der eigenen Glückseligkeit zu folgen“. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich etwas nicht auf die schönste Weise tat, weil ich „es mir nicht leisten konnte“.

So wie die Umwandlung der Welt zu Geld aus der Welt etwas geringeres macht, so macht auch die Umwandlung des Lebens zu Geld (Zeit ist Geld!) etwas geringeres aus dem Leben. Adam Smiths homo oeconomicus trifft Entscheidungen gemäß seines rationalen Eigeninteresses und bestärkt damit die Annahme, der Wert aller Dinge könnte in Geld ausgedrückt werden. Alle Dinge erlauben die Beimessung eines Wertes, einer Größe und einer Menge. Dies ist die Übersetzung und Reduktion des Unmessbaren der Wildnis in die Zahlen der menschlichen Abstraktion. Und damit wird das Wilde, die Natur unter Kontrolle gebracht. Hier ist eine weitere Parallele zum wissenschaftlichen Programm, welches durch seine Gleichungen versucht, die Natur auf Begriffe des Menschen zu reduzieren.

Die Missachtung, welche moderne Ökonomien – und die Wirtschaftswissenschaften – für die Umwelt haben, ist von unserem fundamentalen Verständnis von Selbst und Welt nicht zu trennen. Wie Herman Daly sagt, legt die materialistische, mechanistische Weltsicht nahe, dass „die natürliche Welt bloß ein Haufen zufälligen, nützlichen Zeugs ist, das für beliebige Projekte einer sinnlosen Spezies benutzt werden kann24“. Wenn es keinen wirklichen Sinn jenseits von persönlichem Überleben, Komfort und Vergnügen gibt, wenn die Ordnung und Schönheit der Natur bloßer Zufall ist und das Leben ein siedender Schaum auf einem unbedeutenden Gesteinsklumpen, der sich durch den Raum bewegt und die gesamte Existenz ein „Krach und ein Zorn, der nichts bedeutet“, was zählt dann überhaupt das Schicksal der Erde?

An dieser Stelle ist es üblich den lieben Gott hervor zu holen, um unserer Welt von toter Materie Bedeutung, Zweck und Heiligkeit aufzudrücken. Eine solche Antwort belässt die Materie unglücklicherweise nicht weniger als tot, das Leben nicht weniger als profan und die Schönheit nicht weniger als beliebig. Wenn Gott getrennt ist von der Schöpfung und der Geist getrennt von der Materie, interpretieren wir naturgemäß solche Lehren wie „seid fruchtbar und mehret euch“ als göttliche Erlaubnis, bei der Umwandlung von Naturwohlstand zu persönlichem finanziellen Wohlstand zu plündern und zu zerstören. Zu oft ist die theistische Behandlung unseres Planeten nicht weniger zerstörerisch als die atheistische und oft sogar in stärkerem Maße.

Eine nicht dualistische Religion sieht die Dinge anders. Wendell Berry argumentiert mit der Schrift und formuliert es gewandt: „Die Schöpfung ist in keinem Sinne unabhängig vom Schöpfer oder das Ergebnis eines Aktes, der lange vorbei ist, sondern die fortwährende und stetige Teilhabe aller Kreaturen im Sein Gottes25.“ Anstatt uns die göttliche Erlaubnis zu gewähren, die Schöpfung zu plündern, würde die nicht dualistische Religion die Zerstörung der Natur, um Berry zu zitieren, ansehen als die „erschreckendste Blasphemie. Es hieße Gottes Geschenke ihm vor die Füße zu werfen, als wären sie über unsere Zerstörung derselben hinaus nichts wert26.“ Indem wir Naturkapital in Finanzkapital umwandeln, ordnen wir dem Werk Gottes einen Wert bei – vielleicht entschuldbar, wenn die Materie getrennt, „profan“ und uninspiriert wäre, aber nicht wenn die Natur der heilige, fortlaufende Ausdruck göttlicher Schöpfungskraft wäre. In Psalm 24:1 steht geschrieben: „Die Erde ist des Herren und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.“ In diesem Lichte ist die Umwandlung der Erde zu Gütern, Ressourcen und Eigentum, die mit der Agrikultur begann, nicht mehr als ein versuchter Raub, ein Sakrileg der höchsten Ordnung. Nur die Illusion unseres Getrenntseins verleiht uns diese Unverfrorenheit.

Es ist traurig, weil unser Getrenntsein in der Tat nur eine Illusion ist, und wir können der zerstörten und geschmälerten Welt nicht entrinnen, die unsere Plünderungen erschaffen hat. Wir können allerdings anfangen, die Verschandelung der Welt umzukehren, indem wir unsere kreativen Gaben verwenden, einschließlich unserer Technologie, um den göttlichen Zweck zu erfüllen, für den diese Gaben gedacht sind: die Erschaffung von Schönheit. Wenn uns die Dinge der Welt zur Verfügung gestellt wurden, so wie manche die Bibel interpretieren, welche andere Verwendung könnte es sein, außer der Teilhabe an Gottes fortlaufendem Schöpfungsakt? Ein gefallener Ast kann zu einer Flöte werden. Immer wenn wir einen Baum fällen oder einen neuen Graben ausheben, sollten wir uns fragen: „Erhöht dies die Göttlichkeit der Schöpfung, indem es sie schöner macht? Oder lenkt es von der Göttlichkeit der Schöpfung ab, indem es sie hässlicher macht?“ Und die Antwort muss sich auf die gesamte Schöpfung beziehen, nicht nur auf einen Teil; nicht nur auf das schicke neue Auto, sondern auch auf den Tagebau, die verschmutzte Luft und die zerstörten Landschaften, die mit gegenwärtigen industriellen Prozessen Hand in Hand geht.

Was werden wir aus dieser schönen Welt machen, in die wir hinein geboren wurden?

17 Roland Wall, „Erosion: Wind and Water, Food and Money“, The Academy of Natural Sciences, http://www.acnatsci.org/education/kye/nr/kye82002.html

18 Viele dieser USDA Zusammensetzungstabellen vergleichen den Vitamin- und Mineralgehalt zwischen 1975 und 2001 und sind zu finden in Alex Jacks „The Disappearing Nutrients in America’s Orchards”. 14. Dezember 2004, auch publiziert von der National Health Federation. http://www.thenhf.com/articles_56.htm

19 Lester Brown und Brian Halweil, „Populations Outrunning Water Supply as World Hits 6 Billion“, Worldwatch Institute Pressemitteilung, 23. September 1999.

20 Verlautbarung des Weltärztebundes zu Wasser und Gesundheit, WMA Generalversammlung, Tokyo 2004

21 Sicher, manche Formen der Agrikultur kommen ohne einige dieser Arbeiten aus, aber das allgemeine Prinzip bleibt trotzdem gültig. Es erfordert Arbeit, um das Land über seine natürliche Ernährungskapazität (für Menschen) zu heben.

22 Hyde, S. 121.

23 Brown Jr., Tom, The Tracker. Prentice Hall, 1978. S. 56

24 Zitiert im Adbusters Magazine, Bd. 12, Nr. 5, September/Oktober 2004. Es gibt keine Seitenzahlen – ja!

25 Berry, Wendell. Christianity and the Survival of Creation.SSex, Economy, Freedom, and Community. Pantheon Books, New York, 1993. S. 97

26 Ebd, S. 98

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1998-2011 Charles Eisenstein