Der Aufstieg der Menschheit von Charles Eisenstein

Über die große Krise unserer Zivilisation und die Geburt eines neuen Zeitalters

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Inhaltsverzeichnis:


Das Leben unter Vertrag

Die Tyrannei von Ja und Nein, die Abwanderung des Lebens in einen völlig gezähmten Bereich und das Schwinden des Ungewissen und Unbestimmten zugunsten des ausdrücklich Erlaubten und eindeutig Verbotenen nimmt auch in Form von Gesetzen, Regeln und Vorschriften Gestalt an. Hier manifestiert sich das Programm der Kontrolle als ausufernder Legalismus, der alle Bereiche des modernen Lebens durchdringt.

Im ökologischen Bereich ist das Schrumpfen des Wilden die Zähmung, die Gefangenschaft und der Große Innenraum. Im persönlichen Bereich ist es die Bezwingung der kindlichen Spontaneität und Kreativität. Im Sozialbereich ist es die Kodifizierung von früher einmal informeller Übereinkunft, Ethik und Moral. Der Rechtsgelehrte Paul Campos stellt es folgendermaßen dar: „Jedem, der den Wirkungsbereich des Rechts in unserer Gesellschaft mit jenem des vormodernen Staats vergleicht, fällt sofort eine ungeheure und ständig wachsende Einschnürung des formell ungeregelten sozialen Raums auf.“35

Unsere Abhängigkeit von Autoritäten, die den Bereich des Zulässigen abstecken, zeigt sich auf kollektiver Ebene als „Regulierungswut – jeden Arbeitsakt und jedes Spielverhalten zu medikalisieren, zu juristifizieren und zu überwachen.“36 Dank unserer Schulung sind wir daran gewöhnt, dass man uns sagt, was erlaubt ist, gewöhnt an Autorität zur Bestimmung von richtig und falsch und gewöhnt an zwangsweise Durchsetzung dieser Unterscheidung. Einer Welt unter Kontrolle ist implizit, dass jemand schuld daran sein muss, wenn etwas schiefläuft. Jemand muss die rechtliche Verantwortung dafür übernehmen. Jemand muss bestraft werden, und ich sollte Entschädigung erhalten. Deshalb lösen Kinder in autoritären Einrichtungen (wie z.B. Schulen) ihre Streitigkeiten, indem sie einander verpetzen – sie gehen zum Lehrer, der Quelle der Autorität. In der Religion zeigt sich dieselbe Tendenz in der Vorstellung von Gott als Schiedsrichter, der die Gerechten belohnen, die Bösen bestrafen und am Ende Gerechtigkeit walten lassen wird. Im Rechtswesen motiviert diese Einstellung den aufkeimenden Bereich des Regulierten, die „ständig wachsende Einschnürung des formell ungeregelten sozialen Raums“ und unser endemisches Vertrauen in Gerichtsverhandlungen zur Lösung von Streitfragen.

Die Herrschaft des Rechts ist eine Notwendigkeit geworden, da andere Formen sozialen Zusammenspiels mit der Auflösung der Gemeinschaft zusammengebrochen sind. In alten Zeiten war informeller sozialer Druck weit wirkungsvoller als heute, denn die Leute hingen zur Befriedigung wirtschaftlicher und sozialer Bedürfnisse von ihren Nachbarn ab. Das Wohlwollen der Gemeinschaft war extrem wichtig und die Folgen sozialen Rückzugs schwer. Heute gibt es in Amerika nur wenige wirkliche Gemeinschaften, lediglich Wohngegenden, und die Meinung der Nachbarn ist kaum von Belang. Solange ich alle Gesetze befolge, interessiert doch keinen, was die Nachbarn denken. Ich bin vor allem sicher, was sie tun könnten. Ich muss ihnen nichts abkaufen. Ich brauche sie nicht, um auf meine Kinder aufzupassen, ich brauche die von ihnen hergestellten Dinge nicht, ich brauche sie nicht zur Erholung. Die Umwandlung sozialen Kapitals in Geld bedeutet, dass wir von Fremden an fernen Orten zur Lösung von Streitigkeiten abhängig sind, genau wie bei allen anderen Notwendigkeiten des Lebens. Das Örtliche und Persönliche wurde durch das Formale und Ferne ersetzt.

Stell dir vor, mein Sohn zerbräche ein Fenster meines Nachbarn mit seinem Baseball. Mein Nachbar möchte, dass ich dafür bezahle. Wenn ich mich früher geweigert hätte, hätte sich die Meinung der gesamten Nachbarschaft gegen mich gewendet. Wenn ich das ständig gemacht hätte, hätte ich herausfinden müssen, dass ich beim örtlichen Lebensmittelhändler nicht mehr anschreiben lassen kann, dass der örtliche Arzt mich im Notfall nicht mehr versorgt, dass niemand meine Kinder versorgt, wenn etwas passiert. Die Leute waren auf die Gefälligkeiten und geldlosen Erwiderungen angewiesen, die wir Nachbarschaftshilfe nennen. Fast überall im heutigen Amerika sind nur noch wenige dieser Mechanismen sozialen Drucks wirksam, und mein Nachbar hat keine andere Wahl als mich zu verklagen, auf das äußerste Zwangsmittel einer fernen, unpersönlichen Autorität zurückzugreifen.

Unpersönlichkeit ist allein schon in das Leitbild des Rechts eingebaut, das objektiv, rational und unparteiisch sein soll. Streitfragen sollten nicht aufgrund dessen, wer wen kennt, gelöst werden, nicht aufgrund jemandes Ruf in der Gemeinschaft, nicht aufgrund der Vorlieben des Richters, nicht aufgrund emotioneller Urteile von richtig und falsch und nicht aufgrund öffentlichen Empfindens, sondern vielmehr durch unvoreingenommene Anwendung von Rechtsgründen. Dass Streitfragen im Allgemeinen mit Hilfe von Logik und Grundsätzen gelöst werden können und sollten ist eine fundamentale Annahme, die dem Newton-Cartesianischen Weltbild entspringt und sich selbst der axiomatischen Mathematik nachbildet. In der formalen Mathematik beginnen wir mit einfachen Axiomen – dem Äquivalent einer Verfassung – schlussfolgern von dort aus, und wir fügen neue Axiome (Gesetze) hinzu, wo es nötig wird, wenn nämlich die alten darin versagen, Beweise oder Widerlegungen für eine Ansicht zu liefern (eine neue Art Streitfall zu lösen). Im Zenit des Zeitalters der Vernunft, im frühen 20. Jahrhundert, formulierte David Hilbert das Endziel der Mathematik: einen vollständigen Satz von Axiomen, aus dem alle mathematische Wahrheit abgeleitet werden könnte. Obwohl Hilberts Programm durch das Werk von Gödel und Turing in den 1930ern zerbröckelte, glauben wir anscheinend im Rechtsbereich, dass jedem Versagen, unsere heutigen Streitfälle auf rationale Weise zu lösen, mit noch mehr Gesetzen begegnet werden müsse. Das Endergebnis wäre ein Hilbertianisch kompletter Satz von Prinzipien, nach dem die Rechtmäßigkeit jeder Handlung mit unanfechtbarer Logik bestimmt werden könnte. Dann wäre die Mehrdeutigkeit menschlicher Wechselbeziehungen verschwunden. Wir hätten bei menschlichen Beziehungen dieselbe Gewissheit, die Physiker seit Jahrhunderten auf ihrer Jagd nach einem vollständigen, allumfassenden Gesetz, einer „Theorie von allem“, gesucht haben, worin alles einen wohlformulierten Rechtsstatus besitzt.

Jede Handlung wäre entweder legal oder illegal. Wir sind schon so gründlich auf eine Welt unter Kontrolle getrimmt, dass ich bezweifle, viele würden das als eine alarmierende Aussage betrachten. Es mag sogar schwer sein, es sich anders vorzustellen, genau wie es schwer ist, sich ein Stück Land ohne Besitzer vorzustellen. „Jemand muss es besitzen – es kann doch nicht einfach da sein!“ Für uns ist es leicht zu verstehen, dass „alles legal ist, außer es wurde ausdrücklich verboten“, oder dass „alles illegal ist, außer es wurde ausdrücklich erlaubt“, aber nicht, dass einige Dinge einfach keinen Rechtsstatus besitzen.

Die Herrschaft der Kontrolle verlangt die Ausmerzung unkontrollierter Variablen, die Zähmung des Wilden in jedem Bereich. Im Rechtsbereich ist das Wilde der unregulierte soziale Raum, und die Variablen stehen für das Ungewisse. Das Gesetz verkörpert die soziale Verdinglichung des Technologischen Programms, dessen Ziel, wie Campos es darstellt, „die schlussendliche Ausmerzung des Risikos selbst“ ist. Weiter interpretiert er die „Regulierungswut – jeden Arbeitsakt und jedes Spielverhalten zu medikalisieren, zu juristifizieren und zu überwachen“ als ein „zeitgenössisches Nebenprodukt des Bedürfnisses, mit dem Verlust der allgemeinen Vorstellung vom Sinn menschlicher Existenz zurechtzukommen.“ Intuitiv kommt Campos dem zentralen Thema dieses Buches nahe, dass der Trieb die Welt zu kontrollieren aus einer Entfremdung erwächst, die das Leben von jeder Bedeutung außer der Maximierung von Bequemlichkeit, Sicherheit und Vergnügen abgeschnitten hat. Nur dass es mehr als ein Bedürfnis ist, „mit dem Verlust einer Vorstellung zurechtzukommen“, was den Kontrolldrang bewirkt; Kontrolle ist eher der unvermeidliche, logische Schluss unserer Vorstellungen selbst.

Ein lustiges Beispiel des legalistischen Programms zur Ausmerzung der Ungewissheit: Vor einigen Jahren las ich, dass der Studentenkodex eines bestimmten Colleges erweitert worden ist und nun verlangte, dass jedem neuen Schritt erotischen Vorspiels eine ausdrückliche Übereinkunft der beiden Parteien vorangehen muss, etwa: „Darf ich dich küssen?“ „Ja.“ „Darf ich deine Brust streicheln?“ „Ja“, und so weiter. Zweifellos ist diese Regel geschrieben worden, um gewisse Situationen zu klären, in denen sexuelle Übereinkunft nicht eindeutig war, z.B.: „Dass ich ihn geküsst habe, heißt nicht, dass ich ihm erlaubt hätte, mich zu begrapschen!“ Die Lösung: Definiere Übereinkunft mit noch mehr Regeln. Vergiss die Absurdität der ganzen Geschichte für einen Augenblick und denk über die fundamentale Annahme nach, dass ein genügend detaillierter Satz an Regeln jede Zweideutigkeit lösen kann. Da haben wir wieder das Technologische Programm! Man kann sich einen Fall vorstellen, in dem die Bedeutung von „ausdrücklicher Zustimmung“ in Frage gestellt wird. Ist ein Seufzer Leidenschaft genug? Bedarf die Erwiderung des Streichelns vorheriger Zustimmung? Was ist mit „ah-hah“ anstelle von Ja? Wo endet ein Seufzer und wo beginnt „ah-hah“? Zweifellos könnten wir noch feinere Unterscheidungen schaffen, um diese Mehrdeutigkeiten zu klären, aber da wären stets noch weitere – Mehrdeutigkeiten, die durch den bloßen Versuch, sie wegzudefinieren, entstehen.

Die Ähnlichkeit zur Mathematik ist frappierend. Gödel zerstörte Hilberts Programm, indem er bewies, dass in jedem konsistenten axiomatischen System ausreichender Komplexität wahre Sätze in der formalen Sprache jenes Systems vorkommen, die von den Axiomen her nicht beweisbar sind.37 Der wahre Satz (oder seine Verneinung) könnte als neues Axiom hinzugefügt werden, doch egal wie viele man hinzufügt, wird es trotzdem weitere wahre Aussagen geben, die aus der vergrößerten Axiommenge heraus unbeweisbar sind.38 Egal wie genau das Gesetz Unterscheidungen trifft, werden in ähnlicher Weise immer weitere Situationen auftauchen, die durch das Gesetz nicht logisch lösbar sind. Wir können neue Axiome hinzufügen, neue Gesetze, feinere Unterscheidungen, und trotzdem wären da logisch unlösbare Situationen. Durchdrungen von der Denkweise des Technologischen Programms ist für uns die Lösung dennoch, immer noch mehr Gesetze hinzuzufügen, mehr Regeln, in der Hoffnung, jede mögliche Situation im rechtlichen Rahmen abgedeckt zu haben: dass alles entweder ausdrücklich verboten oder eindeutig erlaubt ist, ohne Grauzonen. Das Resultat ist laut Campos „die 100-seitige Meinung des Berufungsgerichts, der 200-seitige Rechtszeitschriftenartikel mit 500 Fußnoten, das 1000-Seiten-Statut, der 16.000-Seiten umfassende Satz mit Verwaltungsrichtlinien.“ Und trotzdem schwindet der Geist des Gesetzes dahin und seine Macht, das menschliche Verhalten zu kontrollieren, wird geringer, während der Buchstabe des Gesetzes in Genauigkeit und Geltungsbereich schwillt.

Die Ausweitung des Rechts in jede Ecke des Lebens hinein wird in der zunehmenden Verbreitung des Vertrags sichtbar. Wir gehen die ganze Zeit Verträge ein, ohne es überhaupt zu wissen. Hast du je im Kleingedruckten gelesen: „Beim Kauf dieses Produkts stimmen Sie zu,...“? Indem sich der Student an der Pennsylvania State University einschreibt, stimmt er rechtskräftig zu, die Bestimmungen des voluminösen Studentenhandbuchs zu befolgen, und indem er sich in meine Klasse einschreibt, stimmt er dem Lehrplan zu, dem der Status eines Vertrages zwischen Student und Universität verliehen wurde.

Ein Vertrag ist eine Rechtsübereinkunft, etwas, das in den Augen des Gesetzes „real“ ist. Hier ist der Gipfel der Vermengung von Etikett und Gegenstand, den figürliche Sprache heraufbeschwört: Die Wirklichkeit einer Vereinbarung hängt von einer Niederschrift ab, während Übereinkunft auf eine Unterschrift übergeht. Was „zählt“ in einer Vereinbarung? Weder das unausgesprochene Einverständnis noch sein sozialer Kontext, sondern nur, was „schwarz auf weiß“ dasteht – Wörter auf einem Blatt Papier. Selbstverständlich ist die Scheinobjektivität eines Gesetzes oder Vertrags Illusion, denn die Auslegung und Durchsetzung der Wörter hängt noch immer von jenen eher menschlichen Faktoren ab.

Der sich ausdehnende Legalismus erwächst aus der Auflösung von Gemeinschaft; gleichermaßen trägt er zu dieser bei. Indem wir uns auf eine äußere Autorität stützen, die Entscheidungen treffen und eine Lösung auferlegen soll, sind wir von der Notwendigkeit befreit, diese Dinge unter uns auszumachen. „Du wirst von mir nichts mehr hören – du hörst von meinem Anwalt!“ Das waren die letzten Worte, die einer meiner Freunde vor ein paar Jahren von seinem Geschäftspartner vernahm. Eine andere Variante: „Erzähl das dem Richter.“

Noch eine Folge der sozialen Führung mit Hilfe von Gerichtsverfahren und der Drohung mit Gerichtsverfahren ist die weitere Reduzierung des Lebens auf Geld, die ich in Kapitel IV behandelt habe. Schäden werden in Geld berechnet, und mit Geld entschädigen wir Angelegenheiten des Vertrauensbruchs, Fahrlässigkeit, Schmerz und Leid und all die anderen Gegenstände von Gerichtsverhandlungen. Allgemein ausgedrückt, wenn jemand eine Verhandlung anstrengt, will er Geld. Aus welchem Grund kann man sonst klagen? Reue? Verständnis? Eingeständnis von Fehlverhalten? Wenn jemand finanziell für eine widerrechtliche Tötung oder den Verlust von Gliedmaßen „kompensiert“ wird, lautet die unterschwellige Botschaft, dass Geld mit Leib und Leben gleichsetzbar ist.

Das technologische Programm zur Absicherung des Lebens, die Umwandlung von Leben in Geld und die rechtliche Durchdringung laufen im Bereich der Haftpflichtversicherung zusammen. Allein das Wort Versicherung deutet auf die Annahme hin, dass man das Leben tatsächlich absichern kann. Eine der Selbstbezeichnungen der Industrie selbst ist immerhin „Risikomanagement“. Die Folgen dieser Annahme sind in der Tat weitreichend.. Hast du dich je gefragt, warum alle wirklich tollen Spielplatzgeräte – richtig hohe Schaukeln, Klettergerüste und Rutschen – verschwunden sind? Haftbarkeit. Wenn die Rechtfertigung durch Sicherheit glatterdings absurd erscheint, springt Haftbarkeit ein.

In den letzten zwanzig oder dreißig Jahren ist Abschreckung die Hauptstütze unseres Strafgesetzbuchs und des Gefängnissystems gewesen. Die Annahme hinter Abschreckung ist schon im Wort enthalten, nämlich dass man Verbrechen beginge, wären da nicht die damit verbundenen Strafen. Das Gesetz steht zwischen meiner inneren Verdorbenheit und deinem Leben und Eigentum. Interessanterweise hat das bereits Thomas Hobbes in jenem oft zitierten Abschnitt aus Leviathan gesagt. Es ist so lehrreich, den ganzen Absatz zu lesen:

„Was auch immer folgerichtig in Kriegszeiten ist, wenn jeder Mann jedem anderen Feind ist, das selbe gilt in Zeiten, wenn Menschen ohne andere Sicherheit leben als dem, was ihre eigene Kraft und ihre eigene Erfindungsgabe ihnen dabei zuführen. Unter solchen Umständen gibt es keinen Platz für Fleiß, denn dessen Frucht ist ungewiss: und folgerichtig keine Agrikultur; weder Navigation noch den Gebrauch von Waren, welche man über das Meer einführt; kein geräumiges Bauen; keine Instrumente zu bewegen und entfernen solche Dinge, die viel Kraft fordern; kein Wissen über das Antlitz der Erde; keine Messung der Zeit; keine Kunst; keine Briefe; keine Gesellschaft; und am schlimmsten von allem, ständige Furcht und die Gefahr gewaltsamen Todes; und das Leben des Menschen, einsam, armselig, garstig, viehisch und kurz.“

Hobbes sprach weniger von einem prä-technologischen Stand, sondern eher dem menschlichen Befinden in Abwesenheit einer Regierung. Ohne Regierung, argumentierte er, gäbe es keinen Handel, keine Gebäude, keine schöpferischen Errungenschaften, denn was würde jemand davon abhalten, die Früchte der Arbeit eines anderen einfach an sich zu reißen? Wir würden ständig in Furcht vor Raub leben und deshalb unwillig sein, irgendetwas Produktives zu tun. Hobbes spricht vom unregierten Zustand des Daseins.

Weil es auf dem Hobbes-Calvin’schen Grundsatz der inneren Verderbtheit des Menschen basiert, ruht das Gesetz auf einer Zwangsbasis, die versucht, sozial unerwünschtes Verhalten nicht länger im rationalen Eigeninteresse einer Person erscheinen zu lassen. Gesetze sind mehr als kodifizierte soziale Übereinkünfte zu verstehen, wie in „Wir stimmen alle zu, an roten Ampeln zu halten.“ Sie beinhalten auch ausdrücklich Strafen für den Bruch solcher Übereinkünfte. Das ist nicht nur im Strafrecht mit seinen Drohungen gegen Leben und Freiheit so, sondern auch im Zivilrecht insofern, als es Verträge durchzusetzen versucht. Lass dir das Wort durch den Kopf gehen. Gesetz ist letzten Endes die Anwendung von Gewalt.

Aber was sonst sollen wir von einer Zivilisation erwarten, die so tief in den Newton’schen Prinzipien verankert ist? Kraft ist in einem Newton’schen Universum schließlich die einzige Möglichkeit, eine Masse zu beeinflussen – oder, in letzter Konsequenz, das Verhalten einer Person zu ändern.

Unausweichlich behandelt das auf Hobbes’schen Annahmen und Zwangsmechanismen basierende Gesetz den Bürger geringschätzig, indem es annimmt, dass Zwang überhaupt nötig ist. Nimm ein einfaches Beispiel: ein Schild mit der Aufschrift „Kein Müll. 300 Euro Strafe“ gegenüber einem Schild mit der Aufschrift „Erhalte die Schönheit der Landschaft. Bitte lasse keinen Müll liegen.“ Das erste beinhaltet fast, dass wir ohne die Strafe Müll verstreuen würden. Die Strafe gibt sich als Grund fürs nicht-Vermüllen aus. Das zweite erscheint dagegen als Erinnerung, aufgrund der Annahme, dass der Leser die Landschaft sicherlich schön erhalten möchte. Oder schau dir eine Vereinbarung mit Handschlag an. Kommt es nicht einer Verleugnung von Vertrauen gleich, wenn man außerdem auf Konventionalstrafe bei Vertragsbruch besteht – besonders einer Strafe, die von einer äußeren Autorität durchgesetzt werden müsste?

Ist es wirklich Abschreckung, die dich davon abgehalten hat, dieses Buch aus dem Laden zu stehlen? Ist deine wahre Natur die von mutwilliger Aneignung? Oder ist diese Art Verhalten das künstliche Produkt des eigenständigen und isolierten Selbst und die schmerzhafte Antwort auf die Überlebensangst, die durch unsere wirtschaftlichen und sozialen Einrichtungen eingeführt wurde? Sind wir das wirklich? Wärst du wirklich ein Mörder, wenn da nicht der Elektrische Stuhl wäre? Falls nicht, dann sind Gesetze eine Beleidigung.

Die implizite Beleidigung durch das abschreckungs- bzw. zwangsbasierte Rechtssystem ist kein bisschen von den anderen Mitteln verschieden, mit denen unsere Kultur den menschlichen Geist beschränkt und seine angeborene Güte, Göttlichkeit und Kreativität verleugnet. Die entscheidende Vermessenheit der Abschreckung liegt in der Tat im: „Ich werde dich dazu zwingen, das Verhalten zu zeigen.“ Wie „zwingt“ man jemanden, etwas zu tun? Indem man Macht über ihn hat. Und die ultimative Macht über jemand ist die Macht, sein Überleben zu bedrohen. Die Bedrohung fürs Überleben durch die Waffe eines Polizisten ist von jener durch die Beschämung durch die Eltern kaum verschieden. Die physische Einschränkung eines Gefängnisses ist wenig verschieden von der überlegenen physischen Stärke der Eltern. Die Tatsache, dass ich nicht ernsthaft fürchte, ein Polizist würde mich tatsächlich erschießen, tut nichts zur Sache. Die Furcht ist schon vor langer Zeit in die Auffassungen von Eigentum, Praktikabilität und Vorsicht integriert und internalisiert worden. Für die meisten Leute ist die Waffe lediglich eine Erinnerung daran, ein Zeichen allgegenwärtiger Bedrohung für das Überleben. Sie erinnert uns an die Furcht, die uns „dazu zwingen wird, uns in bestimmter Weise zu verhalten“.

Das Gesetz im Sinne zwangfreier Richtlinien zu reformieren, wäre unmöglich, ohne alle anderen Strukturen der Gesellschaft, die sich aus unserem Selbst- und Weltbild herleiten, zu reformieren. Die Hobbes-Calvin’sche Annahme unserer angeborenen Selbstsüchtigkeit, die dem Rechtssystem zugrunde liegt und Abschreckung nötig macht, ist tatsächlich wahr – wenn man die Auffassung voraussetzt, die wir heute vom Selbst haben. Doch wenn unsere gegenwärtige Fehlauffassung vom Selbst bröckelt, wird ein neues Rechtssystem entstehen, zusammen mit einem neuen Wirtschafts-, Technologie- und Bildungssystem. Dessen Vorläufer werden bereits in verschiedenen Gemeinschaften überall in der Welt ausprobiert. Es verlangt nicht die Rückkehr in eine Gesellschaft ohne Arbeitsteilung, Dörfer und Stämme, wo jeder jeden kennt, aber es lässt sich von ihnen inspirieren. Solch ein Rechtssystem fördert Gemeinschaft, statt sie zu umgehen, berücksichtigt Mehrdeutigkeit und die entwicklungsfördernde Funktion von Konflikten und, was am wichtigsten ist, geht von der Güte aller Menschen aus, statt von ihrer Verderbtheit.

35 Campos, Paul F., Jurismania: The Madness of American Law. Oxford University Press, 1999. S. 5

36 Campos, S. 29f.

37 Ich habe die Aussage des Theorems vereinfacht, indem ich die Unterscheidung zwischen einem formalen System (oder Theorie) und der Interpretation (oder Modell) jenes Systems vernachlässigt habe. Die korrekte Aussage müsste lauten, dass es unbeweisbare Sätze gibt, die bei der Interpretation jenes Systems wahr sind. Die Problematik bei der Unterscheidung zwischen mathematischer Theorie und Modell betreffen auch das Recht und sind teilweise für die endlosen Ausführungen und Wiederholungen verantwortlich, die die Rechtsliteratur charakterisieren.

38 Die Ausnahme bilden axiomatische Systeme, die nicht konsistent sind, also einen eingebetteten Widerspruch beinhalten, durch den es möglich wird, alles zu beweisen. Das ist der Beschaffenheit des Rechts, das viele widersprüchliche Prinzipien verkörpert, welche sich aus widersprüchlichen gesellschaftlichen Normen ableiten, tatsächlich näher. Ein Beispiel ist freie Rede gegenüber Einschränkung von Hasstiraden. Wenn diese beiden Prinzipien im Gesetz verankert sind, werden bestimmte Handlungen mit Berufung auf das eine rechtlich vertretbar sein und unvertretbar hinsichtlich des anderen. Und dieser Widerspruch bleibt scheinbar unabhängig davon bestehen, wie fein man unterscheidet.

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1998-2011 Charles Eisenstein